Eva Joly und Bernard Tapie: Megalomanie zwischen Geld, Macht und Justiz
Gegenwärtig richtet die französische Öffentlichkeit ihre Aufmersamkeit auf zwei Kinder der Ära Mitterand, Eva Joly und Bernard Tapie, zwei prägende und gleichsam umstrittene Persönlichkeiten der letzten zwei Jahrzehnte, die nicht unterschiedlicher sein könnten:
Der weibliche Robin Hood der französischen Justiz, die norwegische Richterin Eva Joly, die an der Aufdeckung der Elf-Aquitaine-Schmiergeldaffäre maßgeblich beteiligt war und nun ankündigte im Europaparlament an der Seite von Daniel Cohn-Bendit für die Grünen zu kandidieren und Bernard Tapie, der Sarkozy-Sympathisant und Erfinder der „Methode-Tapie“, dem Kauf maroder Unternehmen und dem profitablen Verkauf nach ihrer Sanierung; Die insolvente Sportmarke Adidas wird ihm 1990 zum Verhängnis, er wird mit seiner eigenen Methode geschlagen und zieht sich tief verschuldet aus der Wirtschaftswelt zurück. Den späten Sieg erringt der mittlerweile ergraute Tapie im Juli 2008.
Die zwei könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch ähneln sich die Biographien der Richterin und des Unternehmers vielleicht mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Bernard Tapie und Eva Joly, zwei prägende und gleichsam umstrittene
Persönlichkeiten der letzten zwei Jahrzehnte, die gehassten und geliebten Kinder der Ära Mitterrand, die der Republik einen Spiegel vors Gesicht hielten. Beide stehen in diesen Tagen wieder im Blickfeld der französischen Öffentlichkeit.
Eiserne Lady
Es klingt wie das Märchen von Aschenputtel: die 18 Jährige Norwegerin Eva Gro Farseth stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt 1961 als Au-Pair Mädchen in eine bürgerliche Pariser Familie. Den Pomp der Oberschicht erlebt sie als Bedienstete, doch der Sohn der Familie verliebt sich in seine Babysitterin. Die Hochzeit mit Pascal Joly stößt auf Widerstand seitens seiner Familie, die sich um die erfolgreiche Zukunft des Sohnes sorgt – für die junge Frau prägt sich die herablassende Art des französischen Bürgertums ins Gedächtnis. Ihr Leben wird sie dem Kampf gegen Korruption und Klüngel wirtschaftlicher und politischer Eliten widmen.
Ohne die elterliche Unterstützung lebt das junge Paar in einfachen Verhältnissen. Pascal studiert Medizin, während Eva ihr Jura-Examen auf der Abendschule absolviert und arbeitet mehrere Jahre als Rechtsberaterin für psychisch Kranke, eine Erfahrung, die ihre Abneigung gegen soziale Ungerechtigkeiten schärft. Schließlich erlangt sie den Richtertitel, wird Staatsanwältin in Orléans, bevor sie in eine Sonderabteilung des Finanzministeriums berufen wird. Als einzige Juristin ohne Diplom der Eliteschule ENA stellt sie Exotin innerhalb der Judikative des Landes dar. Schließlich wird sie 1990 zur Ermittlungsrichterin in den Pôle financier berufen. Dieses Sondergremium ist für die Überwachung von Wirtschaftsverbrechen und Affären mit politisch-finanziellem Hintergrund zuständig.
Bulldozer aus dem Norden
Kaum ein Politiker oder Unternehmer, den sie nicht ins Visier nimmt. Anscheinend findet die charismatische Eva daran Gefallen, die politische und wirtschaftliche Elite des Landes in Schrecken zu versetzen. Die Liste ihrer „Opfer“ enthält so prominente Namen wie Loik Le Floch-Prigent, ehemaliger Präsident der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF und Firmenchef von Elf, Bankenchef André Levy-Lang oder Ex-Minister Roland Dumas.
Alle drei haben traurige Berühmtheit in der so genannten Elf-Affäre erlangt, welche die engen Beziehungen zwischen französischer Politik und wirtschaftlichen Interessen offenbarten, insbesondere in Afrika und dem nahen Osten. Während über Jahre Gelder an Tochtergesellschaften des staatlichen Mineralölkonzerns Elf Aquitaine gezahlt wurden, schacherten sich die Beteiligten Posten und Gehälter zu. Elf steht seitdem als Synonym der ominösen Praktiken Ölkonzerne, die Liste müsste zweifellos noch andere Namen aufführen.
Erst 2001 konnten über 30 von ihnen vor Gericht gestellt werden und der Hauptverantwortliche, 2005 verstorbene, Alfred Sirven wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Auch die deutschen Konzerne Leuna und Minol gingen in die Hände von Elf und bis heute bleibt ungeklärt, inwieweit dieser Deal zu Gunsten der Parteikasse der CDU abgeschlossen wurde.
Bernard Tapie machte ihre Bekanntschaft 1994, kurz nach dem Verkauf von Adidas. Nachdem er wegen Insolvenzvergehen, Unterschlagung und Bestechung 1997 verurteilt wurde, war Joly in seinen Augen eine „Vollidiotin, eine Geisteskranke“.
Kampf gegen Windmühlen
Auch wenn Joly häufig zusehen musste, wie ihre Verfahren am Ende mit Freispruch oder milden Haftstrafen für die Angeklagten endeten, bleibt sie Verfechterin der Transparenz von Firmengeschäften, eine Art Robin Hood der französischen Justiz. Sie selbst spricht von ständiger Angst, von Morddrohungen und Verfolgung. Ihr Narzissmus und die Vermischung von Justiz und eigenen moralischen Ansprüchen, das nie überwundene Trauma gegenüber der Oberschicht, brachten der Preisträgerin des Titels „Europäerin des Jahres 2002“ nicht nur Sympathien entgegen.
Der Kampf der blonden Eva gegen Goliath, kennt keine eindeutigen Sieger und Verlierer.
Claude Chabrol diente Joly als Vorlage zu seinem 2006 erschienen Film „Geheime Staatsaffären“. Als sie 2002 nach Norwegen zurück kehrte, feierte man ihr Engagement und seitdem steht sie an der Seite der Regierung in Oslo. Nun wird sie nach Frankreich zurück kehren, um fürs Europarlament zu kandidieren. An der Seite von Daniel Cohn-Bendit werde sie für die Grünen antreten, so ließ der ehemalige 68er Studentenführer stolz verlauten. Viele schütteln darüber verwundert den Kopf, da man ihre politische Heimat vielmehr an der Seite der Partei MoDem vermutet hätte, aber Joly weiß den Erwartungen zu widersprechen.
Golden Boy
Ein Leben am Tisch des Präsidenten Mitterrand und hinter Gefängnisgittern: eine Talfahrt des Erfolgs und ein französisches Beispiel für den Traum vom Self-made-Man.
Es gibt kaum eine Herausforderung, die Bernard Tapie ausgelassen hat: als Unternehmer war der 65 Jährige eine der einflussreichsten Figuren der französischen Wirtschaft, als sozialliberaler Politiker und Minister für Stadtentwicklung sank sein Stern so schnell wie er stieg, als Manager führte er Olympique Marseille an die Spitze Europas mit der Champions League und leitete den Radrennstall La Vie Claire, ganz zu schweigen von seinen Versuchen als Musiker, Schauspieler, TV-Moderator und Schriftsteller .
Auch Tapies Leben liest sich zunächst wie das Aschenputtel-Märchen: Anekdoten über die Anfänge seiner Unternehmerlaufbahn kursieren, als er Fernsehgeräte und Autor vertreibt. Seine erste eigene Firma wird 1977 die Papierfabrik Duverger, die er zwei Jahre später gewinnbringend verkauft. Die „Methode-Tapie“ ist geboren: er kauft marode Unternehmen und verkauft sie nach Sanierung. Die Brocken werden immer größer und trotz einiger Rückschläge stehen Firmen wie Testut oder Terraillon auf seiner Liste.
Ein Schicksal namens Adidas
1990 winkt der größte Coup seiner Karriere, der ihn 18 Jahre seines Lebens verfolgen wird: die Erben von Adi Dassler stehen vor der Insolvenz und Tapie tritt als Retter aus dem Nichts. Die drei Streifen gehen in seine Hand, doch da er gleichzeitig an seiner politischen Karriere bastelt, scheint seine unternehmerische Glückssträhne zu Ende.
Seine Bank, der staatliche Crédit Lyonnais präsentiert ihm für den Adidas-Ankauf einen Käufer, den Unternehmer Robert Louis-Dreyfus, der Teile der Sportmarke erwirbt. Weitere Anteile des mit 2,085 Milliarden bezifferten Unternehmens behält die Bank selbst. Nur wenige Monate später erwirbt Dreyfus das komplette Unternehmen für das Doppelte des Kaufpreises. Der Mega-Unternehmer wird mit seinen eigenen Methoden geschlagen und muss zudem eine Gefängnisstrafe von mehreren Monaten absitzen. Tief verschuldet zieht er sich aus der Wirtschaftswelt zurück, versucht sich als Musiker und Schauspieler, doch der Prozess gegen Crédit Lyonnais wird zu seiner Obsession...
Späte Genugtuung
Die Medien verfolgen den Krimi um das später untergehende Finanzinstitut und sein „Opfer“ Tapie und die Justiz gibt ihm Recht. Vor drei Jahren werden ihm 135 Millionen Euro Schadensersatz für den Adidas-Coup zugesprochen, doch das Urteil wird wenig später vom Pariser Kassationsgericht aufgehoben. Aber David, alias Bernard, gibt den Kampf gegen Goliath nicht auf – wohl wissend, dass der französische Staat als Anteilseigner der Bank den angeblichen Schaden aufzukommen hat. Den späten Sieg erringt der mittlerweile ergraute Tapie im Juli 2008 und sein Sieg tut der politischen Elite weh: 285 Millionen Euro, so lautet das endgültige Justizurteil, eine schöne Summe für den angehenden Rentner, der sich kürzlich einen Alterssitz in der Schweiz gekauft hat.
Nach Abzahlung seiner Schulden werden ihm nach Schätzungen rund 80 Millionen Euro Vermögen übrig bleiben. Von der gezahlten Summe geht der Großteil nämlich zurück an den Fiskus, denn die Steuerschulden Tapies waren – bis vor kurzem – beachtlich. Er sieht das Recht auf seiner Seite, doch die Öffentlichkeit munkelt bereits, vor der Entscheidung hätte es grünes Licht von Seiten der Politik gegeben. Tatsächlich macht Tapie aus seiner Sympathie für Präsident Sarkozy kein Geheimnis. Einer unbestätigten Agenturmeldung vom 14. September zufolge sei Tapie, Spitzname Nanar, im Élysée empfangen worden.
Wenn die große Tapie-Show auch vorerst beendet ist, so fragt man sich, wann Tapie wieder auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen sein wird... was kann Nanar noch aus dem Hut zaubern, um die französische Öffentlichkeit zu überraschen? Die letzten Kapitel der Tragik-Komödie „Tapie“ sind noch nicht geschrieben!
Romy Straßenburg
Le 6-10-2008
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Die Erfahrung der "Eisernen Lady" als Au-pair - bekannt??