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Der ganz eigene Stil von "Karambolage"

Auch an diesem Sonntag werden es sich wieder rund 600.000 Zuschauer vor ihren Fernsehern gemütlich machen, um über die feinen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen aufgeklärt zu werden. „Karambolage“, die ARTE-Sendung der deutsch-französischen Eigenheiten und Kuriositäten feiert ihre 200. Folge!

 

Jeden Sonntag kommt es zum Zusammenstoß zwischen deutscher und französischer Kultur: die Sendung „Karambolage“ hat Kultfaktor. Die Alltagskultur der beiden Nachbarländer wird in diesem Format spielerisch unter die Lupe genommen und bringt den Zuschauer zum Schmunzeln. Mit Vorurteilen wird gespielt, aber es wird stets versucht, Klischees zu vermeiden. Daher stehen jeweils ein konkreter Gegenstand, Brauch, Kleidungsstück, Wort,  etc. im Mittelpunkt der Analyse. Warum verschenkt ein Franzose seinen Blumenstrauß samt der Verpackung, wann muss man wem, wie und wie oft in Frankreich ein Küsschen auf die Wange drücken, und was ist ein pied-noir? Man lernt viel über sein Nachbarland, erfährt aber auch einiges über seine eigene Heimat.




Claire Doutriaux, Erfinderin von "Karambolage", Anfang 2009 in Skopje

Die Schöpferin

 

Diese 12 Minuten Kurzweil haben wir der Französin Claire Doutriaux zu verdanken, die 2006 mit dem Adolf-Grimme-Preis für die „Idee, Gestaltung und Realisation“ der Sendung ausgezeichnet wurde. Nach ihrem Studium der Wirtschaft lebte sie 15 Jahre in Deutschland und hatte bei ihrer Rückkehr ins heimische Paris die Idee zu „Karambolage“ im Gepäck. Da sie oft von Franzosen falsche Aussagen über Deutschland hörte, beschloss sie mit dem deutsch-französischen Kultursender ARTE zusammenzuarbeiten, um die Nachbarländer einander näherzubringen, wobei sie versuchte, den deutsch-französischen Dialog in einer lebendigen und farbenfrohen Form darzustellen. Doch von der Idee bis zur Produktion und Ausstrahlung der Sendung mussten einige Hindernisse überwunden werden.

 

Die Entstehung

 

Als allererstes musste ein Titel gefunden werden, der gleichermaßen auf Deutsch und Französisch gut klingt und zur Sendung passt. Erste Ideen wie „Fisimatenten“ und „Tohuwabohu“ wurden schnell verworfen bis eine Mitarbeiterin von Claire Doutriaux nach langem Stau auf der Autobahn den Titel „Karambolage“ vorschlug.

 

Dann galt es den Programmdirektor von ARTE auf ihre Seite zu bringen. Dieser sträubte sich vorerst gegen die Produktion des Mini-Magazins, da er die Spaltung der Zuschauer befürchtete. Die Marketingforschung brachte allerdings ein selten gutes Ergebnis ein, doch der Programmdirektor blieb bei seiner Entscheidung. Erst ein elfmonatiger Streik von Frau Doutriaux brachte ihn zur Räson und überzeugte ihn zur Produktion. Und er hat es nicht bereut. „Karambolage“ konnte seit der Erstausstrahlung im Januar 2004 schon viele Preise einheimsen und wurde als „DIE europäische Sendung“ mit Lob überschüttet.




Wieviele "Bises" gibt man in welcher Stadt?

Die Sendung

 

Wie der Titel muss auch das Thema immer für Deutsche als auch für Franzosen spannend und interessant sein. In der Textredaktion rauchen also regelmäßig die Köpfe, um den kleinen und großen Zuschauern intelligente Unterhaltung zu bieten. In den verschiedenen Rubriken der Sendung wird jeweils ein bestimmtes Detail beobachtet, beschrieben und interpretiert, wobei der Ton dieser Analyse nicht zuletzt durch die lebendige, bunte Form immer beschwingt und humorvoll ist. Mit einer Prise Selbstironie wird dem Zuschauer inhaltlich und auch optisch einiges geboten.

 

Die Beiträge werden oft von rund 50 Grafikern aus beiden Ländern in kleine, virtuose Trickfilme verpackt. Da Form und Inhalt also stark miteinander verwoben sind, muss auch bei der Übersetzung der Tonspur darauf geachtet werden, dass Bild und Ton zusammenpassen: Schlüsselwörter müssen zeitgleich genannt werden. Die deutsche und die französische Fassung werden gleichzeitig hergestellt und sind gleichwertig. Die Produktion einer Episode nimmt durchschnittlich vier bis fünf Monate in Anspruch.

 

Nicht zu vergessen ist das Rätsel am Ende jeder Folge, bei dem eine Straßenszene anhand eines Indizes Frankreich oder Deutschland zugeordnet werden muss. Das pädagogische Ziel hinter diesem Rätsel ist, das genaue Hinschauen zu trainieren, was für die Beschreibung der nationalen Eigenheiten von zentraler Bedeutung ist.

 

Die Themen, die auf der Hand liegen, wurden natürlich in den letzten sechs Jahren schon ausgeschöpft. Daher wendet sich das Format jetzt auch historischen Themen zu und öffnet sich den Kulturen der Einwanderer in Frankreich und Deutschland. Andererseits gibt es auch Themen, die einfach nicht in die drei- bis vierminütigen Beiträge zu zwängen sind, oder die eventuell zu brisant sind. Auf die Frage nach ihrer eigenen Beziehung zu Deutschland, antwortete Claire Doutriaux, die übrigens auch unter dem Pseudonym Corinne Delvaux in vielen Beiträgen auftaucht: „Mein Vater wurde im Zweiten Weltkrieg gefangengenommen und wollte, dass seine Kinder Deutsch und andere Sprachen lernen, damit spätere Kriege verhindert werden“.

 

Interessant ist, dass „Karambolage“ in Frankreich sechsmal mehr Zuschauer hat als in Deutschland. Dies liegt zum einen am terrestrischen Empfang von ARTE in Frankreich, wo der Kultursender zu den fünf frei empfangbaren analogen Fernsehsendern gehört, sowie am allgemein höheren Markanteil des Senders in Frankreich. In Deutschland sieht sich der Kanal einer wesentlich stärkeren Konkurrenz an Kulturprogrammen ausgesetzt als im Nachbarland. In direkter Konkurrenz zu den 20h-Nachrichten bringt „Karambolage“ es jedoch auf ca. 500.000 Zuschauer in Frankreich und etwa 80.000 Zuschauer in Deutschland. Claire Doutriaux hält die Sendezeit außerdem sehr angemessen für das Format, da sich zu dieser Zeit die ganze Familie vor dem Fernseher versammeln kann.


Ein „europäisches Karambolage“?

 

 

Nachdem „Karambolage“ allseits auf Begeisterung gestoßen war, bot man ihr an, ein ähnliches Format im größeren, europäischen Rahmen zu produzieren. Doch da dies sich als ausuferndes, unüberschaubares Projekt entpuppte, lehnte Claire Doutriaux ab. Es ließe sich jedoch diskutieren, ob das Format nicht auf andere Länderpaare übertragbar wäre. Nachbarn wie Palästina und Israel seien beispielsweise leider noch zu sehr politisch in Konflikt miteinander, um solch eine kulturelle Annäherung zu vollziehen.

 

Anfangs erhielt die „Karambolage“-Redaktion einige Leserbriefe von aufgebrachten Franzosen, die nicht wollten, dass sich die Deutschen über die französischen Sitten lustig machten. Im Laufe der Jahre hat sich diese Aufregung jedoch gelegt und beide Nationen schauen sich nun Woche für Woche gegenseitig mit einem Augenzwinkern über die Schulter.

 

Im Fokus der 200. Sendung wird eine Persönlichkeit stehen, die wie die Macher von „Karambolage“ zwischen Deutschland und Frankreich lebt. Im Anschluss an die Sendung, die ausnahmsweise erst um 20h40 ausgestrahlt wird, kann auf der ARTE-Homepage sogar mit Claire Doutriaux gechattet werden.

 

Auf die nächsten 200 Folgen!




ARTE-Merchandising

 

 

Rebecca Dovergne

31-01-10

 

Mehr zu diesem Thema: http://www.lagazettedeberlin.de/5848.html

Karambolage online: http://www.arte.tv/karambolage

 





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