Mit Mehl übrschüttet- François Hollande bleibt gelassen
Während einer Rede bei der Stiftung "Abbé Pierre" am ersten Februar ist François Hollande von einer jungen Frau mit Mehl beworfen worden. Nach der Attacke, die den ihn in eine Wolke aus Mehl hüllte, blieb der Präsidentschaftskandidat der PS ( "Parti Socialiste") erstaunlich ruhig. "Wenn ich mich an die Journalisten, an die Franzosen richten will, wenn ich eine Versammlung besuche, an der viele Leute teilnehmen, ist das ein Berufsrisiko", kommentierte François Hollande den Vorfall. "Die Hauptsache ist, dass ich meine Botschaft über die Wohnsituation übermitteln konnte", fügte er an und verwies auf den eigentlichen Grund seines eigentlichen Besuchs bei der Stiftung.
Wichtige Mission bei "Abbé Pierre"
Dürftiger Schutz: Die Brüche als einziges Dach über dem Kopf (Foto : jose gonzalvo)
Hollande war dem Aufruf an alle Teilnehmer der Präsidentschaftswahlen gefolgt, einen von der Stiftung erdachten "Vertrag für eine neue Wohnungspolitik" zu unterschreiben. Nach seiner Parteikollegin Martine Aubrey, der Bürgermeisterin von Lille, war François Hollande der nächste, der ihn ratifizierte. Seit ihrer Gründung im Jahre 1988 reklamiert die "Fondation Abbé Pierre" das mangelnde Durchgreifen der Politik in Bezug auf die teuren Mieten und auf den Wohnungsmangel, von dem immerhin 3,6 Millionen Franzosen betroffen sind. Sie setzt damit den Kampf ihres Namensvetters, des "l'abbé Pierre" fort, der sein Leben dem Kampf gegen soziale Benachteiligung und der Hilfe für Obdachlose gewidmet hatte.*
Verfehlungen in der französischen Wohnugspolitik
Das harte Leben auf der Straße fordert seine Opfer: In diesem Winter sind bei der anhaltenden Kälte bereits 100 Erfrorene in ukrainischen Städten gefunden worden. (Foto : xornalcerto)
In ihrem "Vertrag für eine neue Wohnungspolitik" fordert sie unter anderem die Schaffung von mehr Wohnraum und Sozialwohnungen, eine Regulierung der Mietpreise auf dem Immobilienmarkt, sowie die Gestaltung eines gerechteren und nachhaltigeren sozialen Umfelds.
Dies ist insofern ein brisantes politisches Thema, als dass der französische Staat wenig gegen Obdachlosigkeit und Sozialwohnungsmangel unternimmt. Man vermutet, dass in Frankreich etwas 50.000 Menschen auf der Straße leben, die Zahl an Franzosen, die in Zelten, Wohnwägen oder verfallenen Bretterbuden hausen, wird auf über 3 Millionen geschätzt. "Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Frankreich in einer katastrophalen Situation", erklärt Xavier Vandromme, Verantwortlicher für die Notunterkünfte bei der Stiftung Emmaüs. Einer der Gründe dafür liegt in der zentralistischen Organisation des Staates. Während in anderen Ländern wie Spanien oder Italien Gemeinden und die Kirche staatliche Gelder zur Finanzierung effektiver Programme für die Unterstützung Obdachloser bekommen, sind den Regionen in Frankreich die Hände gebunden.
"Nichts obliegt der Verantwortung der Städte", erklärt Xavier Vandromme. Damit ist es schwierig für die Kommunen auf die verschiedenen Bedürfnisse Obdachloser oder Wohnungssuchender einzugehen.
François Hollandes Wahlversprechen an die Stiftung "Abbé Pierre"
Sollte François Hollande tatsächlich die Wahl zum Präsidenten gewählt werden, verpflichtet er sich laut des Vertrages der Stiftung "Abbé Pierre", dieser Misere aktiv entgegenzuwirken. Kurz nach dem Angriff der Frau twittert er: "Glücklich, den Vertrag der Stiftung Abbé Pierre unterschrieben zu haben, trotz dieser Einzeltat, die ihren Vollführer nicht gerade ehrt. Es gibt andere Wege, seinen Protest auszudrücken, ich bin offen für Dialoge."
Laura Raveling
02.02.2012
Lambert Wilson in der Rolle des Abbé Pierre (Bild: amazon.de)
*Abbé Pierre war ein in Frankreich hoch angesehener Mönch. Er setzte sich sein gesamtes Leben für bessere Lebensbedingungen von Obdachlosen ein, in zweiten Weltkrieg versteckte er Juden vor den Nazis und arbeitete für den Wiederstand. Besonders berühmt wurde er in einer Rede an die Öffentlichkeit im besonders harten Winter 1954, als viele Menschen, besonders Kinder, dem Kältetod erlagen. Durch seinen wütenden Aufruf an die Franzosen, dem armen Teil der Bevölkerung mit Spenden zu helfen, gab es damals viele, die seinem Appel mit Geld-,Kleider- oder Essensspenden Folge leisteten. Auch gründete er die Stiftung "Emmaüs", die Unterkünfte für Obdachlose und Wohnungssuchende baute. Geboren 1912 in einer wohlhabenden Familie, spendete er sein gesamtes Vermögen für gute Zwecke und trat in den Orden der Kapuziner ein. Trotz seiner Entscheidung für ein Leben innerhalb der katholischen Kirche, verdammte er ihr Zölibat und ihre Homophobie. Bis ins hohe Alter hinein wandte er sich an hochrangige Politiker, um sich für eine sozialere Politik einzusetzen. Abbé Pierre starb im Jahre 2007 im Alter von 99 Jahren.